Studie untersucht globalen Zusammenhang zwischen kulturellem Wandel und Angststörungen bei jungen Menschen - Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit
Forschung

Studie untersucht globalen Zusammenhang zwischen kulturellem Wandel und Angststörungen bei jungen Menschen

Forschende am DZPG-Standort Bochum–Marburg haben Hinweise darauf gefunden, dass der weltweite Anstieg von Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen mit langfristigen kulturellen Veränderungen zusammenhängen könnte. Die Untersuchung zeigt: Weltweit steht insbesondere der Bedeutungsverlust von Religiosität länderübergreifend mit einer höheren Häufigkeit von Angststörungen in Verbindung.

Schätzungen zufolge nehmen Angststörungen bei jungen Menschen seit Jahren zu[1]. Parallel dazu haben sich gesellschaftliche Vorstellungen darüber, welche Eigenschaften Kinder entwickeln sollten, deutlich gewandelt. Eine zentrale wissenschaftliche Frage ist, ob diese Entwicklungen und veränderte Erziehungsziele mit der psychischen Gesundheit junger Menschen zusammenhängen.

Daten aus 70 Ländern über drei Jahrzehnte analysiert

Um dieser Frage nachzugehen, analysierte das Studienteam Daten aus 70 Ländern auf allen Kontinenten im Zeitraum von 1989 bis 2022. Grundlage waren internationale Gesundheitsdaten zur Häufigkeit von Angststörungen bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen sowie umfangreiche Kulturdaten. In die Analyse flossen unter anderem Daten des World Values Survey, der Global Burden of Disease Study und weiterer internationaler Datensätze ein. Anhand von Daten über mehrere Jahrzehnte hinweg analysierten die Forschenden, wie sich Veränderungen in gesellschaftlichen Erziehungszielen auf die Entwicklung von Angststörungen auswirken. „Über die Zeit haben sich gesellschaftliche Erwartungen, wie Kinder idealerweise sein sollten, weltweit bedeutend verändert“, sagt der Erstautor der Studie, Leonard Kulisch. „Wir wollten daher herausfinden, ob diese veränderten Erwartungsmuster mit der Zunahme von Angststörungen im Zusammenhang stehen.“

Abnehmende Religiosität als Risikofaktor für Angststörungen

Über alle Kontinente hinweg zeigt sich, dass insbesondere eine Abnahme an Religiosität in der Erziehung der entscheidendste Risikofaktor für Angststörungen ist. „Vermutlich, weil Religiosität das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert und dem Leben eine Richtung gibt“, sagt Leonard Kulisch. Wo Religion als Ressource allmählich verschwinde, entstehe möglicherweise eine Lücke. „Familien sind einsamer, haben ein weniger stabiles soziales Netzwerk, und Routinen im Alltag fallen weg.“ Gerade solche Voraussetzungen seien aber zentral dafür, dass Kinder psychisch gesund aufwachsen könnten.

Verbundenheit fördern: Ansätze jenseits der Familie

Auch wenn die gefundenen Effekte insgesamt klein sind, unterstreicht die Studie die Bedeutung der Religiosität als Schutzfaktor. Die Ergebnisse legen nahe, dass insbesondere in zunehmend säkularen Gesellschaften neue Wege gefunden werden sollten, um soziale Verbundenheit und Sinnstiftung zu fördern. Neben familiären Strukturen könnten dabei auch Gemeinschaftsangebote wie Vereine, Gruppenaktivitäten oder zivilgesellschaftliches Engagement eine wichtige Rolle spielen. Ebenso kommt Bildungseinrichtungen eine zentrale Bedeutung zu, um soziale Einbindung und Gemeinschaft gezielt zu stärken.

Originalpublikation:

Kulisch LK, Domínguez Rojas AL, Schneider S, Voigt B. Global Cultural Change and Anxiety in Children and Adolescents: Analyzing Socialization Goals Over Three Decades in 70 Countries. Dev Sci. 2026 May;29(3):e70157. doi: 10.1111/desc.70157. PMID: 41797358; PMCID: PMC12968521.

Quelle: Pressemittelung der Ruhr Universität Bochum

 


[1] Quelle: Daten der DAK-Gesundheit, 2019-2024, https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/kjr-2025-angststoerungen_153340#rtf-anchor-angststorungen