Neuromodulation - Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit

Therapien

Neuromodulation

Viele psychische Erkrankungen haben ihren Ursprung in veränderten Prozessen des Gehirns. Doch wie lassen sich diese gezielt beeinflussen, um Linderung oder sogar Heilung zu ermöglichen? Ein vielversprechender Ansatz ist die Neuromodulation – so nennt man Verfahren, die gezielt in die neuronale Aktivität eingreifen. Dazu gehören Techniken wie elektrische oder magnetische Stimulation, die bestimmte Hirnareale aktivieren. Auch Neurofeedback spielt eine Rolle: Dabei wird die Hirnaktivität über Elektroenzephalographie (EEG), funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) oder Nah-Infrarot-Spektroskopie (NIRS) erfasst und den Betroffenen rückgemeldet. So können sie lernen, krankheitsbedingte Veränderungen ihrer Hirnaktivität gezielt zu beeinflussen.

Was ist Neuromodulation?

Die Neuromodulation basiert auf der Annahme, dass psychische Gesundheitsprobleme biologische (Mit)ursachen haben können, die durch Prozesse im Gehirn oder im Körper vermittelt werden.

Folgende Techniken werden für eine Neuromodulation eingesetzt: Elektrokonvulsionstherapie (EKT), repetitive (wiederholte) transkranielle Magnetstimulation (rTMS), transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), Wechselstromstimulation (tACS), tiefe Hirnstimulation (deep brain stimulation, DBS) und (transkutane) Vagusnervstimulation ((t)VNS). Die genannten Verfahren verwenden elektrische oder magnetische Stimulation, um neuronale Aktivitäten zu verändern. Auch Neurofeedback-Verfahren, basierend auf EEG, fMRT oder NIRS-Messungen, werden angewendet.

Anwendung

Techniken wie die Elektrokrampftherapie (EKT), transkranielle Magnetstimulation (TMS), tiefe Hirnstimulation (DBS) und Vagusnervstimulation (VNS) werden vor allem bei schweren Depressionen eingesetzt, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend wirksam waren. Sie sollen die Aktivität der Nervenzellen regulieren und dadurch Krankheitssymptome lindern.

Neurofeedback wird hauptsächlich als ergänzende Therapie bei Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) genutzt. Es kommt aber auch in anderen Bereichen wie der Behandlung von Epilepsie oder Depressionen zum Einsatz.

Herausforderungen

Die Reaktion auf Neuromodulation kann von Person zu Person variieren, und die Suche nach dem optimalen Einsatz erfordert oft eine individuell zugeschnittene Anpassung.

Die nicht-eingreifenden Verfahren (rTMS, tDCS, tVNS) rufen bis auf leichte Missempfindungen direkt während der Stimulation in der Regel keine Nebenwirkungen hervor und sind damit besser verträglich als in ausreichender Höhe verabreichte Medikamente. 

Neuromodulationsansätze können jedoch Nebenwirkungen verursachen, die von milden bis hin zu sehr seltenen, aber schwerwiegenden Reaktionen reichen. Daher sind eine gründliche körperliche Untersuchung im Vorfeld, eine kontinuierliche Überwachung und gegebenenfalls eine Anpassung der Behandlung essenziell. Im Bereich Neurofeedback beschränken sich Nebenwirkungen in der Regel allenfalls auf leichte bis mäßige Kopfschmerzen direkt im Anschluss an eine Sitzung und eventuelle Hautirritationen durch bestimmte Gels auf der Haut oder Druckstellen durch die Messfühler.

Integration mit anderen Therapieformen

Biologische Therapien werden oft in Kombination mit Psychotherapie, Pharmakotherapie oder psychosozialen Interventionen eingesetzt, um einen ganzheitlichen Behandlungsansatz zu ermöglichen.

Neuromodulationsverfahren können in der Behandlung von psychischen Gesundheitsproblemen einen bedeutenden Beitrag leisten. Sie eröffnen verschiedene Wege, um neurobiologische Prozesse zu beeinflussen und Symptome zu lindern, jedoch erfordern sie wie bei jeder anderen Behandlungsform auch eine sorgfältige Abwägung der potenziellen Vorteile und Risiken für jeden individuellen Fall.

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Betroffenen-Perspektive

Transkranielle Magnetstimulation (TMS)

„Nach einem 8-wöchigem Aufenthalt in einer Psychiatrischen Tagesklinik und einem 13-wöchigem Aufenthalt in einer Psychiatrischen Privatklinik wurde ich als austherapiert entlassen. An eine normales Arbeits- und Privatleben war nicht zu denken. Ich hatte die Hoffnung auf Heilung fast schon aufgegeben, als meine Frau erfuhr, dass es am Universitätsklinikum Tübingen eine Magnetstimulationstherapie gibt, die bei starken Depressionen helfen soll.

Bei der ersten Behandlung wurde zunächst mein Kopfbereich vermessen und anschließend durch Erzeugung der Stromimpulse der Schwellenwert bestimmt. Dann wurde auf der linken und der rechten Seite des Kopfes eine Magnetspule angelegt und durch magnetische  Impulse das betreffende Hirnareal stimuliert. Da die Behandlung ohne Narkose oder Betäubung durchgeführt wird, ist die TMS ohne gravierende Nebenwirkungen und gut verträglich.

Nach ca. 4 bis 5 TMS-Behandlungen konnte ich eine leichte Besserung verspüren. Ich konnte wieder die winzigen Gefühle von Freude und Schmerz in meinem Körper spüren. Aus heutiger Sicht begann mit der TMS-Behandlung mein lang ersehnter Heilungsprozess. Insgesamt erhielt ich 15 TMS-Behandlungen in 3 Wochen.

Bis zum heutigen Tag, fast zwei Jahre nach der Behandlung, bin ich wieder vollständig hergestellt und kann mein privates und berufliches Leben mit all seinen Facetten wieder leben und genießen. “

Die anonymisierten Erfahrungsberichte von Betroffenen und Angehörigen wurden über die Partizipations-Gremien des DZPG eingesammelt. 

Unterstützung

Wenn Sie Unterstützung suchen, gibt es verschiedene Anlaufstellen:

Fachärztinnen und -ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Ihrer Nähe finden Sie über das Suchportal der Bundesregierung: gesund.bund.de/suchen/aerztinnen-und-aerzte

Über Terminservice der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erhalten Sie Hilfe bei der Suche nach einem Termin für eine Behandlung: eterminservice.de/terminservice

Eine Übersicht und Suchmöglichkeit nach Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland bietet die Nationale Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (NAKOS):
nakos.de/adressen/datenbanksuche

In akuten Krisen erhalten Sie auch außerhalb der Sprechzeiten schnelle und qualifizierte Hilfe rund um die Uhr über den medizinischen Notdienst (116 117)

Bei unmittelbarer Suizidgefahr rufen Sie bitte sofort den Notruf (112) an. Zögern Sie nicht, wenn Sie selbst oder jemand in Ihrem Umfeld akut gefährdet ist.

Forschungsfragen und -perspektiven am DZPG

Die Wirksamkeit der repetitiven (wiederholten) transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) in der Behandlung von therapieresistenten Depressionen ist mittlerweile gut untersucht und wird teilweise auch schon von nationalen und internationalen Behandlungsleitlinien empfohlen. Im DZPG (Standorte Tübingen und München-Augsburg) wird zum Beispiel untersucht, wie wirksam rTMS in frühen Stadien einer depressiven Erkrankung und bei Jugendlichen ist.

Der Einsatz von transkranieller Gleichstromstimulation (tDCS) als Alternative zur Medikamentenbehandlung wird am Standort Halle-Jena-Magdeburg geprüft.

Der Nutzen der (transkutanen) Vagusnervstimulation ((t)VNS sowohl in der Behandlung von Frauen mit direkt nach der Geburt auftretenden Depressionen (Wochenbettdepressionen) als auch zur Therapie von Müdigkeit bei Menschen nach einer Corona-Infektion (Post-Covid) wird in Tübingen untersucht.

In Berlin untersucht ein Team Wechselstromstimulation (tACS) im Zusammenhang mit der Verbesserung bestimmter Gedächtnisfunktionen.

Zudem wird im Rahmen des DZPG beispielsweise an den Standorten Mannheim-Heidelberg-Ulm, München-Augsburg und Tübingen eine Studie zu funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT)-Neurofeedback bei gering ausgeprägter Depression durchgeführt, ebenso wie eine Studie zu funktionellem Nah-Infrarot-Spektroskopie (fNIRS)-Neurofeedback in Kombination mit tDCS zur Reduktion von impulsiven Verhaltensweisen an den Standorten Tübingen und Mannheim-Heidelberg-Ulm.

Am Standort Halle-Jena-Magdeburg wird unter anderem ein Neurofeedbackverfahren in der Anwendung bei Autismus erprobt.

Am Standort Tübingen wird mit kontinuierlichen Theta-Burst-Stimulation (cTBS) eine wirksame Therapiemöglichkeit für Menschen mit hartnäckigen auditorischen Halluzinationen erforscht.