Zwangserkrankungen - Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit

KRANKHEITSBILD

Zwangserkrankungen

Menschen mit Zwangserkrankungen leiden unter hartnäckigen, unerwünschten Gedanken und einem starken inneren Drang, bestimmte Handlungen auszuführen. Diese Zwänge lösen oft Angst und Stress aus und lassen sich nur schwer unterdrücken. Die Störung kann auf familiäre Veranlagung und psychologische Faktoren zurückgeführt werden. Die Therapie konzentriert sich auf psychotherapeutische Verfahren wie tiefenpsychologische Psychotherapie und kognitive Verhaltenstherapie, insbesondere die bewusste Auseinandersetzung mit den Zwangsgedanken. Medikamente wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer können zusätzlich eingesetzt werden, um Symptome zu lindern. Frühe Maßnahmen sind wichtig, um Zwangserkrankungen vorzubeugen.

Betroffene berichten, dass sie hartnäckige, unerwünschte Gedanken (Obsessionen), Vorstellungen und/oder Handlungsimpulse haben, die sich ihnen aufdrängen, z. B. sich verunreinigt zu haben oder gewalttätige Handlungen auszuüben. Diese Zwangsgedanken können Angst, Stress oder Unbehagen verursachen und treten gegen den eigenen Willen auf. Um die Angst oder das Unbehagen zu lindern, versuchen Menschen mit Zwangserkrankungen*, diese Gedanken durch sich wiederholende Ausgleichshandlungen (Zwangshandlungen) zu unterbinden und abzuwehren. Ein Beispiel für Zwangsgedanken sind aufdringliche, sich wiederholende Zweifel oder Befürchtungen, die zu zwanghaftem Grübeln führen. Beispiele für Zwangshandlungen sind wiederholtes Händewaschen, Kontrollieren von Dingen oder ritualisierte Handlungen.


*  Definition nach ICD. Siehe dazu auch F42

Ursachen für Zwangserkrankungen sind eine familiäre Veranlagung, psychologische Faktoren, wie ein starkes Kontrollbedürfnis, und äußere Einflüsse, etwa familiäre Probleme. Es gibt auch Erklärungsmodelle, die veränderte Verbindungen zwischen Gehirnregionen als Mitursache von Zwangsstörungen beschreiben.

Zwangserkrankungen sollen zuallererst mit psychotherapeutischen Verfahren, insbesondere mit tiefenpsychologischer Psychotherapie, kognitiver Verhaltenstherapie (und hier vor allem der Konfrontation/Exposition mit dem Zwangsgedanken), behandelt werden. In einigen Fällen können Medikamente wie selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) verschrieben werden, um Symptome zu reduzieren. Die Prävention von Zwangserkrankungen beinhaltet frühzeitige Maßnahmen, sobald erste Anzeichen von zwanghaftem Verhalten oder Gedanken auftreten. 

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Angehörigen-Perspektive

Mein Alltag mit Zwangsstörungen

„Das große Problem zu Anfang war, die Symptome nicht einordnen zu können. Warum mussten wir den gleichen Weg nochmal mitgehen? Warum wurden bestimmte Orte vermieden und Ausflüge unmöglich? Warum durfte im Zimmer nichts verändert werden, musste die gleiche Abfolge der Kleidungsstücke eingehalten werden? Warum ließen die schulischen Leistungen nach? Wohin waren das ansteckende Lachen und die Lebensfreude verschwunden?“

„Die Behandlung begann gleich zu Anfang mit hohen Medikamentendosen. Aber in den drei Jahren bis zum Abitur gab es immer wieder Probleme mit den Medikamenten und den dadurch herbeigeführten Verschlimmerungen. Eine passende Psychotherapie, wie sie laut Fachinformationen empfohlen wird, war von den Ärzten nicht vorgeschlagen worden. Nach der Schulzeit lief vieles schief, weil wir keine Begleitung hatten und an Informationen, wenn überhaupt, nur zufällig kamen.“

„Nach vielen Jahren des Lernens haben wir die Hoffnung nicht verloren und sind momentan zumindest bei dem richtigen Therapeuten gelandet. Das Absetzen der Medikamente erfolgt nun nach wissenschaftlichen Erkenntnissen, wie sie auch in aktuellen Behandlungsleitlinien empfohlen werden. Ein langer Weg liegt hinter uns und ein langer Weg liegt vor uns – aber seit Kurzem erfreuen wir uns wieder an dem ansteckenden Lachen und der Lebensfreude!“

„Mein Rat an andere Angehörige: Nicht den Mut verlieren und sich mit anderen Angehörigen und Betroffenen vernetzen und austauschen! Psychotherapie und die Konfrontation mit den Zwangsgedanken können wirklich helfen – aber man muss oft lange nach geeigneten Therapeuten suchen.“

* Die vorliegenden anonymisierten Erfahrungsberichte von Betroffenen und Angehörigen wurden über die Partizipations-Gremien des DZPG eingesammelt.

Unterstützung

Wenn Sie Unterstützung suchen, gibt es verschiedene Anlaufstellen:

Fachärztinnen und -ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Ihrer Nähe finden Sie über das Suchportal der Bundesregierung: gesund.bund.de/suchen/aerztinnen-und-aerzte

Über Terminservice der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erhalten Sie Hilfe bei der Suche nach einem Termin für eine Behandlung: eterminservice.de/terminservice

Eine Übersicht und Suchmöglichkeit nach Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland bietet die Nationale Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (NAKOS):
nakos.de/adressen/datenbanksuche

In akuten Krisen erhalten Sie auch außerhalb der Sprechzeiten schnelle und qualifizierte Hilfe rund um die Uhr über den medizinischen Notdienst (116 117)

Bei unmittelbarer Suizidgefahr rufen Sie bitte sofort den Notruf (112) an. Zögern Sie nicht, wenn Sie selbst oder jemand in Ihrem Umfeld akut gefährdet ist.

Forschungsfragen und -perspektiven am DZPG

Aktuell beschäftigen wir uns am DZPG mit verschiedenen Forschungsfragen rund um die Entstehung, Diagnostik und Behandlung von Zwangsstörungen. Im Mittelpunkt stehen dabei neurobiologische und pathophysiologische Mechanismen. Unter anderem wird untersucht, welche Hirnregionen und Neurotransmittersysteme an der Entwicklung von Zwangsstörungen beteiligt sind und ob sich spezifische neurobiologische Marker identifizieren lassen, die für Diagnose und Behandlung relevant sein könnten.
Zudem widmet sich die Forschung genetischen und epigenetischen Faktoren, die zur Anfälligkeit für Zwangsstörungen beitragen. Von Interesse ist hierbei insbesondere, wie diese biologischen Grundlagen mit verschiedenen Umweltfaktoren interagieren.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt auf therapeutischen Ansätzen. Hierbei wird untersucht, welche neuen pharmakologischen und nicht-pharmakologischen Interventionen vielversprechend sind und wie bestehende Behandlungen noch besser an individuelle Bedürfnisse angepasst werden können.  Ergänzend dazu wird erforscht, wie Zwangsstörungen gegenüber ähnlichen Störungsbildern – wie Tic-Störungen oder depressiver Grübelneigung – klarer abgegrenzt werden können.
Zusätzlich widmet sich die Forschung am DZPG der Frage, wie Zwangsstörungen die Lebensqualität und das soziale Funktionieren Betroffener beeinflussen und welche Strategien dazu beitragen können, diese Auswirkungen zu verringern.

In langfristiger Perspektive werden zudem Neuromodulationstechniken wie die tiefe Hirnstimulation oder die transkranielle Magnetstimulation hinsichtlich ihrer Sicherheit und Wirksamkeit bei Zwangsstörungen untersucht. Ergänzend dazu tragen Langzeitstudien zur besseren Beschreibung des natürlichen Verlaufs der Erkrankung sowie zur Bewertung der langfristigen Wirksamkeit verschiedener Behandlungen bei. Schließlich wird erforscht, wie Stigmatisierung reduziert und soziale Unterstützung für Menschen mit Zwangsstörungen verbessert werden kann.