Psychosen sind psychische Störungen, die das Denken, die Wahrnehmung und das Verhalten einer Person beeinflussen. Dazu zählen die Schizophrenie und andere Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis, bipolare Psychosen und psychotische Symptome im Zusammenhang mit Depressionen. Auch bei bestimmten Erkrankungen des zentralen Nervensystems wie beispielsweise Hirnentzündungen (Enzephalitiden) können psychotische Symptome auftreten. Von daher müssen solche Erkrankungen immer ausgeschlossen werden. Von 100 Menschen erkranken ein bis zwei im Laufe ihres Lebens an einer Schizophrenie, womit diese keine seltene Krankheit ist, aktuell rund 800.000 Menschen in Deutschland betrifft und an der jedes Jahr rund 12.000 Menschen zum ersten Mal erkranken. Dies geschieht meist zwischen der Pubertät und dem dreißigsten Lebensjahr, wobei Männer und Frauen über die Lebensspanne gleich häufig betroffen sind.
Zu den typischen Anzeichen einer Psychose* gehört die Wahrnehmung von Phänomenen, die andere Personen in der Umgebung nicht wahrnehmen und als Halluzinationen bezeichnet werden. Typischerweise sind das bei Psychosen oder einer Schizophrenie akustische Halluzinationen, wie das Hören von menschlichen Stimmen, die das Handeln der Person kommentieren oder diese sogar beschimpfen. Auch eigene Gedanken können als fremd und von außen gesteuert erlebt werden. Zu den Beschwerden gehören auch Wahnvorstellungen mit massiven Ängsten wie dem Gefühl, verfolgt zu werden. Personen, die einen Wahn haben, sind in der Regel so überzeugt von seinem Inhalt, dass dieser z. B. durch andere Erfahrungen nicht korrigiert werden kann. Menschen mit einer Psychose oder einer Schizophrenie ziehen sich darüber hinaus häufig zurück, haben wenig Energie, können oft nur eingeschränkt Freude empfinden und ihre Gefühle häufig nur begrenzt zeigen. Diese Symptome müssen über einen längeren Zeitraum (z. B. für die Diagnose einer Schizophrenie 4 Wochen, nach ICD-10-Definition) vorhanden sein, damit die Diagnose Schizophrenie gestellt werden kann.
* Definition nach ICD. Siehe dazu auch: F20
Psychotische Störungen sind sogenannte komplexe Erkrankungen, bei denen genetische und umweltbedingte Risikofaktoren zusammenkommen. Zu den Umweltrisikofaktoren zählen Geburtsort und Geburtsmonat, frühkindliche oder auch lebensgeschichtlich später auftretende Traumata oder ein Drogenkonsum. Das Vorhandensein von genetischen Risikofaktoren reicht in der Regel nicht aus, um zu erkranken. Es müssen ein oder normalerweise mehrere Umweltrisikofaktoren dazukommen, damit eine Erkrankung ausgelöst wird. So hätte eine Person beispielsweise dann ein erhöhtes Risiko zu erkranken, wenn sie einen erstgradig Verwandten mit einer Psychose oder Schizophrenie hat, die Geburt schwer verlaufen ist und sie ab dem 14. Lebensjahr mehrmals pro Woche Cannabis konsumiert.
Eine Psychose kann sehr unterschiedlich verlaufen. Entscheidend ist, sie früh zu erkennen und zu behandeln. Dazu gehört, immer eine psychosoziale Unterstützung und Hilfe beim Verständnis der Bedeutung dieser Erfahrungen für die eigene Person. Eine längerfristige Psychotherapie kann hilfreich sein.
Während sich z. B. drogeninduzierte Psychosen nach Einstellen des Konsums häufig auch ohne medikamentöse Therapie über die Zeit zurückbilden, treten schizophrene Psychosen häufig wiederkehrend auf. Verallgemeinernd kann festgehalten werden, dass ein Drittel der Betroffenen sehr gut mit der Erkrankung zurechtkommt und sogar frei von Medikamenten ein unbeschwertes Leben führen kann. Ein weiteres Drittel kommt mit der Erkrankung gut zurecht, muss aber in der Regel, um Rückfälle zu verhindern, niedrigdosierte Medikamente im wirksamen Bereich einnehmen. Ein weiteres Drittel ist in der Erreichung der eigenen Lebensziele trotz optimaler Therapie beeinträchtigt, kann aber mit Unterstützung ein selbstbestimmtes Leben mit guter Lebensqualität führen.
Die Behandlung von Psychosen erfordert eine multidisziplinäre Betreuung durch Psychiater, Psychologinnen und andere Fachkräfte im Gesundheitswesen. Sie ist multimodal ausgerichtet und umfasst Soziotherapie, Psychotherapie und Pharmakotherapie. Die Psychotherapie vermittelt einerseits als Psychoedukation den Betroffenen und ihren Angehörigen die Grundlagen der Erkrankung und andererseits als z. B. metakognitives Training den Umgang mit spezifischen Symptomen wie Stimmenhören. Sie kann außerdem bei der Verarbeitung der Krankheitserlebnisse und der gegebenenfalls erlebten, belastenden Lebensereignisse oder Traumata helfen. Die Pharmakotherapie kann die Beschwerden in der akuten Krankheitsphase reduzieren und das Wiederauftreten der Erkrankung nach der Rückbildung der Beschwerden verhindern. Die erwünschten und unerwünschten Wirkungen einer längerfristigen Medikation müssen sorgfältig mit den betroffenen Patientinnen oder Patienten abgesprochen werden. Soziotherapie und psychosoziale Unterstützung in der Lebenswelt sind zentrale Komponenten der Behandlung und unterstützen die Reintegration in Alltag und Beruf.
Eine Primärprävention einer Psychose ist heute noch nicht möglich, wohl aber eine Sekundärprävention, wenn erste Symptome wie eine Depression oder Gedächtnisstörungen auftreten. Diese müssen dann so früh wie möglich erkannt und behandelt werden. Dazu gehört auch die Beratung der Angehörigen und Freunde, damit diese selbst den betroffenen Personen unterstützend zur Seite stehen können. Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige gibt es in fast jeder Region Deutschlands.
Mehr Informationen zu Psychosen und Schizophrenie:
„Als Mensch mit Psychose-Erfahrung erlebe ich in psychotischen Phasen eine veränderte Realität, die für mich völlig real erscheint. Ich nehme Dinge wahr, die andere nicht wahrnehmen können – etwa Stimmen, die zu mir sprechen oder meinen Alltag kommentieren. Diese Erfahrungen gehen weit über bloße „Symptome“ hinaus und sind hochindividuell. Sie können mit existenziellen Ängsten verbunden sein, aber auch mit intensiven Gefühlen und besonderen Erkenntnissen. Es ist für Außenstehende kaum nachvollziehbar, wie ich meine veränderte Wahrnehmung mit voller emotionaler Intensität erlebe.“
„Die gesellschaftliche Stigmatisierung empfinde ich oft als belastender als die Erkrankung selbst. Als „psychisch krank“ oder „schizophren“ etikettiert zu werden, führt zu Ausgrenzung und beeinflusst, wie andere mir begegnen. Viele sehen zuerst die Diagnose und dann erst mich als Menschen. Dieses Stigma erschwert den Genesungsprozess erheblich.“
„Der trialogische Austausch mit anderen Betroffenen, Angehörigen und Fachpersonen hat mir geholfen, meine Erfahrungen besser einzuordnen und zu verstehen. Über die Zeit habe ich mein Erfahrungswissen als besondere Kompetenz schätzen gelernt. Ich sehe meine ungewöhnlichen Bewusstseinszustände auch als mögliche Ressource und Erkenntnisquelle an.“
„Als Mutter eines Sohnes mit wiederkehrenden Psychosen erlebte ich anfangs tiefste Verzweiflung und Ohnmacht. Es war erschütternd zu sehen, wie unzugänglich er im Wahn wurde und wie machtlos ich mich fühlte. Was ich mir in dieser Zeit gewünscht hätte, war nicht nur sachliche Information über Krankheitsbilder, sondern echte Resonanz – Menschen, die verstehen, wie sich das anfühlt. Als Angehörige wünschte ich mir Räume, in denen wir nicht nur still mittragen, sondern als gleichwertige Akteure mitdenken, mitreden und mitgestalten können. Denn unser Wissen ist grundlegend für eine gelingende Versorgung.“
„Ich habe gelernt, dass der persönliche Genesungsweg für jeden Menschen anders verläuft. Mein Sohn hat seinen eigenen Weg gefunden, mit seinen Erfahrungen umzugehen, und ich musste lernen, ihn dabei zu unterstützen, ohne zu bevormunden.“
„Heute begrenzt nicht mehr primär die Psychose meinen Sohn, sondern eine Gesellschaft, die seinen Fähigkeiten und seinem Potenzial wenig Raum gibt. Der Austausch mit anderen Angehörigen in Selbsthilfegruppen hat mir geholfen, mit der Situation umzugehen. Ich hoffe auf eine Zukunft mit mehr Teilhabemöglichkeiten und weniger Stigmatisierung.“
Die anonymisierten Erfahrungsberichte von Betroffenen und Angehörigen wurden über die Partizipations-Gremien des DZPG eingesammelt.
Wenn Sie Unterstützung suchen, gibt es verschiedene Anlaufstellen:
Fachärztinnen und -ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Ihrer Nähe finden Sie über das Suchportal der Bundesregierung: gesund.bund.de/suchen/aerztinnen-und-aerzte
Über Terminservice der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erhalten Sie Hilfe bei der Suche nach einem Termin für eine Behandlung: eterminservice.de/terminservice
Eine Übersicht und Suchmöglichkeit nach Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland bietet die Nationale Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (NAKOS): nakos.de/adressen/datenbanksuche
In akuten Krisen erhalten Sie auch außerhalb der Sprechzeiten schnelle und qualifizierte Hilfe rund um die Uhr über den medizinischen Notdienst (116 117)
Bei unmittelbarer Suizidgefahr rufen Sie bitte sofort den Notruf (112) an. Zögern Sie nicht, wenn Sie selbst oder jemand in Ihrem Umfeld akut gefährdet ist.
Ein Forschungsprojekt des DZPG beschäftigt sich damit, erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer psychischen Erkrankung, insbesondere einer Psychose, frühzeitig zu erkennen und im Idealfall so zu behandeln, dass es nicht zum Ausbruch der Erkrankung kommt. In einem weiteren Projekt werden wichtige Einflussfaktoren wie soziale Ausgrenzung und Diskriminierung untersucht, die das Psychoserisiko erhöhen können. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bewertung und Behandlung sozialer Funktionsstörungen bei Psychosen und die Eindämmung ihrer Folgen. Um die Translation neuer Erkenntnisse voranzutreiben, werden im Bereich dieser Risikogruppen, aber auch mit Patientinnen und Patienten mit Psychosen in späteren Krankheitsphasen, multizentrische klinische Studien geplant und durchgeführt, für die eine eigene Infrastruktur zur Verfügung steht. Eng verbunden mit dieser Studieninfrastruktur ist der Bereich „Evidenzbasierte Psychiatrie“, der sogenannte „lebende Leitlinien“ entwickelt, die in festgelegten Intervallen durch neue Literatur ergänzt und damit aktuell gehalten werden. Im Kontext von Psychopharmaka konzentriert sich ein Projekt im ambulanten Setting auf den Beginn und das Ende der medikamentösen Behandlung u. a. bei Menschen mit einer Schizophrenie.