ADHS - Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit

KRANKHEITSBILD

Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)

Menschen mit ADHS stehen oft vor großen Herausforderungen – in der Schule, im Beruf und im Alltag. Sie sind schnell abgelenkt, haben Schwierigkeiten sich zu organisieren, und sind emotional häufig impulsiv. Doch ADHS ist mehr als nur ein Konzentrationsproblem – es betrifft die gesamte Selbstregulation und kann sich ein Leben lang auswirken. ADHS entsteht durch ein Zusammenspiel genetischer und umweltbedingter Faktoren. Die richtige Unterstützung, zum Beispiel Psychotherapie oder Medikamente, hilft Betroffenen, ihren Alltag besser zu meistern. Auch Schulen, Familien und das Umfeld spielen eine entscheidende Rolle.

Menschen mit ADHS* fallen häufig schon in der ersten Klasse auf. Sie scheinen nie ganz bei der Sache zu sein, versuchen Aufmerksamkeit erfordernde Tätigkeiten zu vermeiden, werden leicht durch äußere Reize und Mitschüler*innen abgelenkt, können umfangreichere Arbeitsaufträge nur mit Unterstützung erledigen und arbeiten häufig sehr flüchtig. Sie sind in Alltagsdingen oft vergesslich. Es fällt ihnen deutlich schwerer als Gleichaltrigen, sich zu steuern: Sie rufen dazwischen, stehen auf, verbreiten Unruhe, können schlecht warten. Auch emotional schwanken sie schnell zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zu Tode betrübt“. Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS fällt es sehr schwer, sich zu organisieren, Termine einzuhalten. Oft scheint alles gleich wichtig und deshalb überfordernd. Um die Diagnose einer ADHS zu stellen, müssen die Probleme überdauernd in verschiedenen Lebensbereichen auftreten. Hierzu gehören Schule/Arbeit, Familie, Beziehungen zu Gleichaltrigen/Partnerschaft. Es kann sein, dass Menschen hauptsächlich unter Aufmerksamkeitsproblemen leiden und Impulsivität und motorische Unruhe keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielen, dann wird die Diagnose einer Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität gestellt.
 

* Definition nach ICD. Siehe dazu auch: F90.0, F98.80

Viele Menschen überlegen, warum sie oder ihr Kind ADHS haben. Einige kennen Beispiele aus verschiedenen Generationen der Familie, andere befürchten, Fehler in der Erziehung gemacht zu haben. ADHS lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen, sondern entsteht wahrscheinlich im Zusammenspiel von genetischen und Umweltfaktoren wie dem Verlauf von Schwangerschaft und Geburt und sozialen Einflüssen. Man hat in vielen Studien untersucht, ob die Entwicklung und Funktionsweise des Gehirns bei ADHS verändert ist. Auch wenn Studien durchaus zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, lassen sich folgende Befunde festhalten: (1) die Verfügbarkeit wichtiger Botenstoffe im Gehirn ist bei ADHS verändert. Dopamin und Noradrenalin spielen hier eine wichtige Rolle. Eine ausreichende Verfügbarkeit von Dopamin ist z.B. sehr wichtig für die Motivation und Handlungsplanung. (2) Das Volumen verschiedener Gehirnregionen und die Güte der Verbindungen zwischen den Regionen ist im Vergleich zu Gleichaltrigen eher verringert. (3) Die Aktivität verschiedener Gehirnregionen oder -netzwerke ist bei der Bearbeitung von Aufgaben oft geringer oder weniger gut abgestimmt. Da nicht jeder Mensch mit ADHS diese Auffälligkeiten zeigt, werden sie nicht zur Diagnostik herangezogen, bilden aber die Grundlage für die Entwicklung von Behandlungsmethoden und helfen, Symptome besser zu verstehen. Das Leben mit ADHS erfordert für Betroffene und ihr Umfeld viel Energie. Deshalb ist es wichtig, gerade Familien oder Menschen mit geringen Ressourcen oder weiteren Belastungen zu stärken und zu unterstützen.

Behandlung und unterstützende Maßnahmen sind nicht auf eine Heilung, sondern auf eine Verringerung der Belastung und Verbesserung der Lebensqualität für betroffene Menschen mit ADHS ausgerichtet. Die Stärke und Ausprägung der verschiedenen Problembereiche (Symptome) und die hiermit verbundenen Einschränkungen können bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit ADHS sehr unterschiedlich sein. Am Anfang der Behandlung steht daher immer eine genaue Diagnostik durch eine fachlich qualifizierte Person (Kinder- und Jugendpsychiatrie/Kinder- und Jugendpsychotherapie), die auch überprüft, ob es vielleicht andere Erklärungsmöglichkeiten für die erlebten Symptome gibt. Bei einer leichteren Symptomatik stehen psychotherapeutische Maßnahmen im Vordergrund, die dem betroffenen Kind, Jugendlichen, Erwachsenen helfen können z. B. sich besser zu organisieren, in sozialen Situationen/mit anderen besser klarzukommen oder mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln. Häufig wird auch das Umfeld (Familie, Schule, Partner*in) mit einbezogen und z. B. durch Informationen über ADHS unterstützt und gestärkt. Menschen mit ADHS haben oft auch schon selbst hilfreiche Strategien entwickelt.  Bei stärkerer Symptomatik kann eine medikamentöse Therapie hilfreich sein, die die Verfügbarkeit der wichtigen Botenstoffe im Gehirn und so die Selbstregulation in verschiedenen Bereichen (Aufmerksamkeit, Motivation, Motorik) positiv beeinflussen kann. 

Mehr Informationen zu ADHS: 

Betroffenen-Perspektive

Mein Alltag mit ADHS

„ADHS ist keine Erkrankung, es ist ein Seins-Zustand, der für mich immer so war und sich nicht verändert. Aber dadurch, dass ich mich besser kenne, kann ich mir selbst vorausschauender begegnen. Jeden Morgen bin ich überrascht, was ich alles vergesse oder wie die Zeit rast, aber jetzt rechne ich damit und kann „mich” besser planen.”

“Ich kenne keine Langeweile, ich liebe es, wenn meine Ideen sprühen, und Neues zu beginnen. Aber dabei vergesse ich die ganz basalen Dinge: die Aufgabe, meinen Schlüssel, zu essen, die Zeit, das gesamte Vorhaben. Ich beginne etwas und höre mittendrin auf. Ich vergesse, was ich gerade gedacht habe. Dafür kann ich Filme mehrmals schauen und immer wieder in den guten Gefühlen baden, die sie in mir auslösen.”

“Ich habe Strategien entwickelt, um mit meinen Herausforderungen umzugehen. Ich verwende mittlerweile jede Menge Tools, die für mich sehr hilfreich sind: Noise-cancelling-Kopfhörer, Klangteppiche auf Spotify, Duft-Skills, regelmäßige Supervision, KI zur Priorisierung und Planung. Ich ernähre mich bewusst, was meine Konzentration stabilisiert, und versuche, nicht jedem ins Wort zu fallen. Unterstützend war tatsächlich auch die Diagnose als Erwachsene, um endlich die Symptome zu verstehen und ein Muster darin zu erkennen. Hilfreich war sie auch für meinen Partner, der seitdem viel nachsichtiger ist und sich deutlich weniger über mich ärgert.”

 

Die anonymisierten Erfahrungsberichte von Betroffenen und Angehörigen wurden über die Partizipations-Gremien des DZPG eingesammelt.

Unterstützung

Wenn Sie Unterstützung suchen, gibt es verschiedene Anlaufstellen:

Fachärztinnen und -ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Ihrer Nähe finden Sie über das Suchportal der Bundesregierung: gesund.bund.de/suchen/aerztinnen-und-aerzte

Über Terminservice der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erhalten Sie Hilfe bei der Suche nach einem Termin für eine Behandlung: eterminservice.de/terminservice

Eine Übersicht und Suchmöglichkeit nach Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland bietet die Nationale Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (NAKOS):
nakos.de/adressen/datenbanksuche

In akuten Krisen erhalten Sie auch außerhalb der Sprechzeiten schnelle und qualifizierte Hilfe rund um die Uhr über den medizinischen Notdienst (116 117)

Bei unmittelbarer Suizidgefahr rufen Sie bitte sofort den Notruf (112) an. Zögern Sie nicht, wenn Sie selbst oder jemand in Ihrem Umfeld akut gefährdet ist.

Forschungsfragen und -perspektiven am DZPG

Im DZPG werden wir untersuchen, welche Mechanismen bewirken, dass eine ADHS über das Kindes- und Jugendalter hinaus bestehen bleibt und sich zum Teil weitere psychische Erkrankungen (z. B. Sucht) entwickeln. Ein besseres Verständnis der Entwicklungsmechanismen wird uns Entscheidungshilfen und Vorgehensweisen (evidenzbasierte Algorithmen) aufzeigen, die wir für eine gezielte Prävention und individuell zugeschnittene Behandlung nutzen können.  

Ein wichtiger Schwerpunkt im DZPG ist, wie wir Verfahren der Neuromodulation zur Verbesserung der psychischen Gesundheit einsetzen können. Neuromodulation umfasst verschiedene Methoden, mit denen die Gehirnaktivität von außen (z. B. über ein Stimulationsgerät) oder durch Training (Neurofeedback) verändert werden kann. Im DZPG werden wir untersuchen, wie unterschiedliche Symptombereiche der ADHS durch Neuromodulation (z. B. transkranielle Gleichstromstimulation, Neurofeedback) bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sicher und nachhaltig verbessert werden können. Hierbei wird auch im Fokus stehen, ob Kinder mit einem erhöhten Risiko für eine ADHS (und/oder Lese-/Rechtschreibstörung) bereits im Vorschulalter Auffälligkeiten in bestimmten Aufgabenbereichen und der Gehirnaktivität zeigen, die sich mit Neuromodulation positiv beeinflussen lassen.  

Für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS ist es von entscheidender Bedeutung, ob sie in der Schule auf unterstützende Lehrkräfte und hilfreiche Strukturen stoßen. Im DZPG ist deshalb ein Ziel der Infrastruktur Youth Mental Health, Lehrkräften einen leichten Zugang zu Hintergrundwissen und wissenschaftlich geprüften (evidenzbasierten) Methoden im Umgang mit ADHS bereitzustellen.