Menschen mit bipolaren Störungen erleben starke Stimmungsschwankungen – von tiefer Depression bis zu manischer Euphorie. Diese extremen Phasen beeinflussen nicht nur die Gefühlswelt, sondern auch Denken und Verhalten. Ein Zusammenspiel aus genetischen und Umweltfaktoren beeinflusst das Risiko, eine bipolare Störung zu entwickeln. Forschungen zeigen Veränderungen im Gehirn und beim Gleichgewicht wichtiger Botenstoffe. Die Behandlung umfasst Medikamente, Psychotherapie sowie unterstützende Maßnahmen zur Stabilisierung. Neue Forschung zur Neuromodulation könnte schon bald gezieltere Therapien ermöglichen.
Menschen mit bipolaren Störungen* leiden an Veränderungen der Stimmung und der Affektivität. Im Gegensatz zu der weiter verbreiteten sogenannten unipolaren Depression kommt es im Krankheitsverlauf nicht nur zu depressiven, also Phasen mit schlechter Stimmung, Antriebsmangel, Verringerung der Lebensfreude, sondern auch zu manischen bzw. hypomanen Episoden. Bei manischen Episoden kommt es im Vergleich zur Depression zu praktisch spiegelbildlichen Symptomen (deshalb auch bipolare Störung): Die Stimmung ist situationsinadäquat gehoben und kann zwischen sorgloser Heiterkeit und fast unkontrollierbarer Erregung schwanken. Die gehobene Stimmung ist mit vermehrtem Antrieb verbunden. Dies führt zu Überaktivität, Rededrang und vermindertem Schlafbedürfnis. Die Aufmerksamkeit ist oft erheblich gestört. Patienten neigen zu einer überzogen positiven Selbsteinschätzung und einer Verkennung der Realität. Dies kann so ausgeprägt sein, dass diese Ideen sogar wahnhaften Charakter annehmen können. Auch das Verhalten kann sich enthemmt zeigen, Betroffene verstoßen dann etwa gegen soziale Normen, zeigen sich rücksichtslos oder unterschätzen Gefahren. Bei der Hypomanie kommt es zu ähnlichen, aber schwächer ausgeprägten, Symptomen. Oft gehen hypomane und manische Episoden während der Symptomatik subjektiv mit einem geringen Leidensdruck für die Betroffenen einher. Vor allem während manischer Episoden kann es zu eigen- oder fremdgefährdendem Verhalten kommen.
* Definition nach ICD. Siehe dazu auch: F31
Betroffene und Angehörige fragen sich häufig, wie bipolare Störungen entstehen, bzw. ob sie an der Krankheitsentstehung eine Mitschuld tragen. Wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen auch liegt ein Zusammenspiel aus genetischen und Umweltfaktoren den bipolaren Störungen zugrunde. Zwillingsstudien, die die Häufigkeit des Auftretens bei ein- und zweieigen Zwillingspaaren untersuchten, legen nahe, dass genetische Risikofaktoren zu etwa 60 bis 80 Prozent das Erkrankungsrisiko beeinflussen. Wichtig: nicht eine einzelne Genvariante entscheidet über Krankheit und Gesundheit. Tatsächlich haben Studien zahlreiche Varianten des genetischen Codes identifiziert, von denen jede einzelne nur einen kleinen Teil des Risikos vermittelt. Es müssen also zahlreiche dieser krankheitsvermittelnden Varianten im Erbgut eines Menschen zusammenkommen, um zu einer Manifestation der Störung beizutragen. Als Umweltfaktoren, die zur Krankheitsentstehung beitragen, hat man etwa biologische Stressoren, etwa Entzündungen, bzw. Infektionen mit bestimmten Erregern, ausgemacht. Daneben spielen aber auch traumatische Lebensereignisse eine wichtige Rolle.
Wie genau diese Faktoren zusammenwirken, ist noch nicht geklärt. Als gesichert gilt jedoch, dass es zu Veränderungen verschiedener Botenstoffe im Gehirn kommt. Daneben weisen viele Studien darauf hin, dass es zu funktionellen und teilweise auch anatomischen Veränderungen in bestimmten Netzwerken des Gehirns kommt. Letztere könnten über den Krankheitsverlauf hinweg fortschreitend sein. Allerdings variieren die Befunde über einzelne Betroffene hinweg erheblich. Deswegen werden sie nicht zur Diagnostik herangezogen.
Bei der Behandlung der bipolaren Störung kommen verschiedene pharmako-, psycho- und soziotherapeutische Maßnahmen zum Einsatz. Je nach Erkrankungsphase spielen dabei unterschiedliche Zielsetzungen einer Rolle. 1) In akuten Krankheitsphasen, also manischen, hypomanen oder depressiven Episoden, steht die Remission der jeweiligen Symptomatik im Vordergrund. Je nach Krankheitsschwere erfolgt dies ambulant oder stationär. 2) Ist die jeweilige akute Symptomatik abgeklungen, erfolgt eine Phasenprophylaxe. Sie soll verhindern, dass sich die nächste Krankheitsepisode manifestiert. Deshalb wird sie Betroffenen angeboten, die gerade symptomfrei sind.
Zahlreiche andere – psychische, aber auch körperliche – Erkrankungen können mit Symptomen einhergehen, die denen einer bipolaren Störung gleichen, jedoch andere Ursachen haben. Deshalb ist eine gründliche diagnostische Abklärung zu Krankheitsbeginn wichtig. Je nach Art, Dauer und Schwere der Symptome können hier unterschiedliche Methoden eingesetzt werden: etwa laborchemische Untersuchungen in Blut und Urin, aber auch eine Messung der Hirnströme (EEG), eine Bildgebung des Gehirns (Computer- oder Kernspintomografie) oder eine Nervenwasserentnahme. Die Diagnose wird dann anhand der Art, Ausprägung, Dauer und Verlauf der Symptome sowie der Ergebnisse der apparativen Untersuchungen gestellt.
Mehr Informationen zu bipolarer Störung:
„Als ich 18 Jahre alt war, bemerkte ich erstmals, dass etwas nicht stimmte. Ich glaubte, die anderen verhielten sich merkwürdig, während meine Wahrnehmung für mich völlig normal erschien. Erst bei einer Polizeikontrolle fiel mein Zustand auf. Nach einer Phase der Verleugnung landete ich schließlich in psychiatrischer Behandlung.”
„Meine Diagnose „bipolare Störung” erhielt ich jedoch erst zehn Jahre später, als ich bereits lange mit der Erkrankung lebte - oder besser gesagt, vor ihr floh. Nach einem schweren Rückfall stellte ein Psychiater die Diagnose. Einerseits war dies ein Schock, andererseits aber auch eine Erleichterung. Endlich hatte mein Leiden einen Namen und ich konnte beginnen, mich damit auseinanderzusetzen.”
„Wenn eine Manie beginnt, fühle ich mich wie ausgewechselt. Probleme erscheinen plötzlich als Chancen, ich sprühe vor Ideen, Tatendrang und Euphorie. Doch auf den Höhenflug folgt unweigerlich der Absturz in die Depression. Dann ziehe ich mich vollkommen zurück, bin verzweifelt, antriebslos und sehe keinen Sinn mehr.”
„Halt und Kraft geben mir meine Frau, Familie und Freunde sowie Hobbys und mein Ehrenamt. Außerdem arbeite ich Teilzeit. Allerdings habe ich gerade im Beruf mit Stigmatisierung und Vorurteilen zu kämpfen.”
„Als Angehörige erlebe ich mit meiner Schwester depressive Phasen, hypomane Phasen und lange Phasen „ganz normal dazwischen”. In den depressiven Phasen leide ich mit, fühle mich hilflos angesichts der Angstspirale, die sie dann ergreift. Wenn meine Schwester immer tiefer fällt, falle ich mit, solch eine Wucht hat es dann. Weil wir als Familie nicht verstehen können, was passiert, und sie nicht mehr mit uns sprechen kann, sind wir getrennt und gleichzeitig ganz nah, ohne wirklich etwas tun zu können.”
„Wenn die hypomane Phase kommt, wirkt es, als habe sich ein Schalter umgelegt. Dann beneide ich meine Schwester um ihre Energie, ihren Eigensinn, ihre Durchsetzungskraft. Sie traut sich Sachen, die sie im „Ganz-normal-dazwischen” nicht tun würde, ist spontan, ungezwungen, lebhaft, mitreißend. Es ist auch ein bisschen anstrengend, atemlos, rastlos, energiegeladen, „unter Strom”.”
„Erschöpft weiß ich dann nicht mehr, wie mir geschieht, weil ich noch in der Phase davor hänge, dem tiefschwarzen Jammer- und Paniktal, und gar nicht mitbekommen habe, dass jetzt ein anderer Wind weht. Ich freu mich für sie, aber meine Erschöpfung geht so schnell nicht weg und trübt meine Freude, ich fühle mich müde und alt neben ihr.”
Die anonymisierten Erfahrungsberichte von Betroffenen und Angehörigen wurden über die Partizipations-Gremien des DZPG eingesammelt.
Wenn Sie Unterstützung suchen, gibt es verschiedene Anlaufstellen:
Fachärztinnen und -ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in Ihrer Nähe finden Sie über das Suchportal der Bundesregierung: gesund.bund.de/suchen/aerztinnen-und-aerzte
Über Terminservice der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erhalten Sie Hilfe bei der Suche nach einem Termin für eine Behandlung: eterminservice.de/terminservice
Eine Übersicht und Suchmöglichkeit nach Selbsthilfegruppen in ganz Deutschland bietet die Nationale Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen (NAKOS): nakos.de/adressen/datenbanksuche
In akuten Krisen erhalten Sie auch außerhalb der Sprechzeiten schnelle und qualifizierte Hilfe rund um die Uhr über den medizinischen Notdienst (116 117)
Bei unmittelbarer Suizidgefahr rufen Sie bitte sofort den Notruf (112) an. Zögern Sie nicht, wenn Sie selbst oder jemand in Ihrem Umfeld akut gefährdet ist.
Bipolare Störungen haben viele Facetten. Dementsprechend breit aufgestellt ist auch die Forschung im DZPG. So können sich bipolare Störungen manchmal mit nur wenigen Episoden manifestieren. Nicht selten erstrecken sich die Verläufe aber über die gesamte Lebensspanne. Dementsprechend liegt einer unserer Forschungsschwerpunkte auf der Charakterisierung der Erkrankung über die ganze Lebensspanne. Dabei ruht ein Fokus auf der Frage nach fortschreitenden Defiziten, die in manchen, aber nicht allen Fällen, beobachtet werden können, und deren neurobiologischen Grundlagen. Ein besseres Verständnis wird es uns ermöglichen, Behandlung und Prophylaxe von Krankheitsepisoden zu verbessern.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Identifizierung und Beeinflussung von Netzwerken, die zur Entstehung bipolarer Störungen beitragen. Diese Netzwerke sollen dann gezielt über Verfahren der sogenannten Neuromodulation beeinflusst werden („circuits-based brain medicine“). Unter Neuromodulation versteht man alle Verfahren zur Hirnstimulation, mittels derer die Hirnaktivität gezielt beeinflusst werden kann. Dies umfasst sowohl eine Stimulation mittels apparativer Methoden (z. B. transkranielle Magnetstimulation), als auch durch psychotherapeutische Verfahren (z. B. Neurofeedback). Hier ist die Idee, dass gezielte Eingriffe in krankheitsvermittelnde Netzwerke des Gehirns effektiver und nebenwirkungsärmer sind, als „breiter“ wirkende Verfahren.