Wo Betroffene und Angehörige Forschungsbedarf sehen: DZPG stellt Ergebnisse des bundesweiten Forschungskompasses Mentale Gesundheit vor - Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit
Pressemitteilung

Wo Betroffene und Angehörige Forschungsbedarf sehen: DZPG stellt Ergebnisse des bundesweiten Forschungskompasses Mentale Gesundheit vor

Welche Fragen sollte die Forschung zu psychischer Gesundheit künftig vorrangig bearbeiten? Und was ändert sich, wenn Betroffene und Angehörige diese Prioritäten selbst benennen? Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) stellt am 16. Oktober 2026 in Berlin erstmals öffentlich den Forschungskompass Mentale Gesundheit vor. Die Ergebnisse der Studie zeigen: Menschen mit psychischen Erkrankungen und ihre Angehörigen priorisieren vor allem Forschung zu Erfolgsfaktoren von strukturellen Reformen und deren gemeinsamer Gestaltung sowie Ursachen psychischer Erkrankungen und psychosozialen Behandlungsansätzen.

Die Vorstellung findet im Rahmen der DZPG-Fachtagung „Patient and Public Involvement (PPI) in der psychologischen und psychiatrischen Forschung“ in Berlin statt. Die zweitägige Veranstaltung bringt Forschende, Menschen mit gelebter Erfahrung, Förderinstitutionen sowie Akteur:innen aus Selbstvertretung, Politik und Gesellschaft zusammen. Am zweiten Veranstaltungstag steht der Forschungskompass im Mittelpunkt. Dr. Silke Lipinski, Leiterin der Studie, betont: „Der Forschungskompass macht sichtbar, welche Fragen Menschen mit psychischen Erkrankungen und Angehörige selbst an die Forschung stellen. Das ist ein wichtiger Schritt: Forschung wird relevanter, wenn sie die Lebensrealitäten und Versorgungsbedarfe der Menschen von Beginn an einbezieht.“

Erstmals bundesweit Forschungsprioritäten aus Betroffenen- und Angehörigenperspektive erhoben

Die KOMMIT-Studie erhebt erstmals in Deutschland systematisch, welche Forschungsthemen Betroffene von psychischen Erkrankungen und ihre Angehörigen für besonders wichtig halten. Der Forschungskompass entstand in einem mehrjährigen partizipativen Prozess. Über 5.500 Betroffene und Angehörige haben an der bundesweiten Prioritätenbefragung teilgenommen.

An erster Stelle steht die Reform des Gesundheitssystems und ihre gemeinsame Gestaltung mit Betroffenen und Angehörigen: Welche Bedingungen lassen Reformen auf der Ebene des Gesundheitssystems gelingen? Welche Regeln, Verfahren, Zuständigkeiten und sozialrechtliche Rahmenbedingungen müssten verändert werden? Wie können Politik, Entscheidungsträgerinnen und weitere Akteure des Gesundheitssystems zusammenarbeiten, und wer muss in Veränderungsprozesse einbezogen werden? Wie können Betroffene und Angehörige diese Prozesse wirksam mitgestalten und Einfluss auf übergeordnete Entscheidungen nehmen?

Als weitere Forschungsprioritäten folgen Fragen nach den Ursachen psychischer Erkrankungen, nach psychosozialen und nicht-medikamentösen Behandlungsansätzen, nach Prävention sowie nach besserer Diagnostik und nach Kriterien gelungener Versorgung.

Edmund Bornheimer, Vertreter der Betroffenen am DZPG, ergänzt: „Die Ergebnisse zeigen einen klaren Auftrag: Forschung soll nicht nur erklären, wie psychische Erkrankungen entstehen, sondern auch dazu beitragen, Versorgung, Teilhabe und Unterstützung im Alltag konkret zu verbessern. Genau dafür braucht es die Perspektiven von Menschen, die das Versorgungssystem selbst erleben.“

Beteiligung als Qualitätsmerkmal von Gesundheitsforschung

Der Forschungskompass ist ein Erfolgsbeispiel für Patient and Public Involvement. Die Studie wurde nicht nur für, sondern von Menschen mit eigener Erfahrung und Angehörigen gestaltet. Erfahrungsexpert:innen waren an Fragestellung, Studienkonzeption, Durchführung, Auswertung und Dissemination beteiligt. Damit knüpft KOMMIT an die Partizipationsstrategie des DZPG an: Betroffene und Angehörige wirken im DZPG nicht nur in einzelnen Projekten mit, sondern auch in Arbeitsgruppen, Forschungsinfrastrukturen und Entscheidungsgremien. So trägt Partizipation dazu bei, Studien praxisnäher zu gestalten, Vertrauen in Forschung zu stärken und Ergebnisse schneller in Versorgung und Alltag zu übertragen. Prof. Dr. Isabel Dziobek, Leiterin der DZPG-Infrastruktur – Center for Patient and Public Involvement – erklärt: „Das DZPG will Forschung so ausrichten, dass sie für Menschen mit psychischen Erkrankungen schneller wirksam wird. Der Forschungskompass hilft uns dabei, Forschungsfragen konsequent vom Bedarf her zu denken und nicht allein aus bestehenden wissenschaftlichen Routinen.“

Impuls für Forschungsförderung und Gesundheitspolitik

KOMMIT vergleicht die Prioritäten von Betroffenen und Angehörigen auch mit der öffentlichen Forschungsförderung in Deutschland. Die Ergebnisse zeigen im Hinblick auf die bisherigen Schwerpunkte der Forschungsförderung in Deutschland neben deutlichen Übereinstimmungen auch einen relevanten Änderungsbedarf. Damit liefert der Forschungskompass keinen einfachen Forderungskatalog, sondern eine empirische Grundlage für eine notwendige Diskussion: Wie kann Forschungsförderung künftig noch stärker an den Bedarfen der Menschen ausgerichtet werden, für die Forschung letztlich wirksam werden soll?

Öffentliche Vorstellung am 16. Oktober in Berlin und online

Die Ergebnisse des Forschungskompasses werden am 16. Oktober 2026 im Rahmen des offenen Veranstaltungstags der DZPG-Fachtagung vorgestellt. Im Anschluss diskutieren Vertreter:innen aus Betroffenenvertretung, Wissenschaft, Politik und Forschungsförderung unter dem Titel: „Von gelebter Erfahrung zu Forschungsprioritäten – Wie kann Beteiligung die Forschung von morgen gestalten?“

Die Veranstaltung findet an der Humboldt-Universität zu Berlin, Festsaal, Luisenstraße 56, 10115 Berlin, statt. Eine Online-Teilnahme am offenen Veranstaltungstag ist möglich.

Weitere Informationen zur Studie finden Sie hier: https://kommit-deutschland.de/