Zwei Länder, ein Ziel: Forschung für gezielte Therapien - Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit
Forschung

Zwei Länder, ein Ziel: Forschung für gezielte Therapien

Dieses Ziel steht im Zentrum eines deutsch-französischen Verbundprojekts, in dem das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) und die Fondation FondaMental ihre Kräfte bündeln. Beide Länder verfügen über leistungsstarke Versorgungs- und Forschungsstrukturen. In der Zusammenarbeit entsteht etwas Neues: harmonisierte Daten, Standards und Kohorten von bislang unerreichter Größe, aus denen sich Muster psychischer Erkrankungen präzise erkennen lassen.

Die Vision dahinter ist klar: Präzisionspsychiatrie, die auf multimodalen Datensätzen basiert – und damit Diagnostik, Behandlung und Prävention grundlegend weiterentwickelt. Was in der Onkologie schon Realität ist, soll so auch in der Psychiatrie möglich werden: Untergruppen erkennen, Erkrankungsverläufe vorhersagen, Therapien gezielt zuschneiden und Patienten früh und wirksam helfen.

In zwei Interviews geben Prof. Marion Leboyer (Fondation FondaMental) und Prof. Peter Falkai (DZPG) Einblicke in Aufbau, Arbeitsweise und Ziele der jeweiligen Zentren – und zeigen, wie aus gebündelten nationalen Stärken ein internationaler Forschungsvorsprung entsteht. Gemeinsam schaffen sie die Grundlage für eine länderübergreifende Infrastruktur, die Wissenschaft und Versorgung eng verzahnt und den Weg ebnet für eine neue Generation Forschung im Dienst der Psychischen Gesundheit.


 

FondaMental und DZPG: Grenzüberschreitende Zusammenarbeit für bessere psychiatrische Versorgung

Interview mit Prof. Marion Leboyer

Professorin für Psychiatrie, Leiterin der Abteilung für Psychiatrie und Suchtmedizin an den Hôpitaux Universitaires Henri Mondor und wissenschaftliche Direktorin der Fondation FondaMental

Prof. Leboyer, könnten Sie uns zunächst das Modell der Centres Experts in Frankreich vorstellen? Wie unterscheiden sich diese Zentren von klassischen psychiatrischen Versorgungseinrichtungen und wie ist die Fondation FondaMental in die nationale Versorgungs- und Forschungsstruktur in Frankreich eingebettet?
Die Expertenzentren (Centres Experts) wurden 2010 gegründet und werden von der gemeinnützigen Stiftung Fondation FondaMental koordiniert. Sie bilden eine dritte Versorgungsebene im französischen Psychiatriesystem und orientieren sich am Modell der Referenzzentren für seltene Erkrankungen. Derzeit koordinieren wir 55 Zentren in ganz Frankreich, die in vier Netzwerken (bipolare Störungen, Schizophrenie, behandlungsresistente Depression und Autismus ohne geistige Behinderung) organisiert und in öffentliche Psychiatrieabteilungen eingebettet sind. Die Patienten werden systematisch gefragt, ob sie an Forschungsprojekten teilnehmen möchten. Das hat die Bildung großer multimodaler Kohorten ermöglicht, die für Kooperationen zur Verfügung stehen (Zugang zu Forschungsdaten | La Recherche | Fondation FondaMental). Schließlich überwacht die FondaMental-Stiftung die nationale Koordination, die Harmonisierung der Methoden und die wichtige Verbindung zwischen Versorgung und Forschung.

Wie kommen die Patienten zu den Centres Experts und was passiert dann?
Die Patienten werden von ihrem Psychiater, Hausarzt oder einem anderen Facharzt überwiesen. Sie profitieren während eines zweitägigen Tagesaufenthalts von einer standardisierten, multidisziplinären Beurteilung und erhalten eine ausführliche Rückmeldung, in der wir personalisierte Empfehlungen aussprechen. Diese personalisierten Empfehlungen –, psychotherapeutischer und somatischer Art – werden an den überweisenden Arzt weitergeleitet, um die Kontinuität der Versorgung zu gewährleisten.

Welche Krankheitsbilder oder Patientengruppen stehen in Frankreich im Mittelpunkt dieser Zentren?
Die Expertenzentren konzentrieren sich auf komplexe Fälle von Schizophrenie, bipolarer Störung, behandlungsresistenter Depression und Autismus ohne geistige Behinderung. Die Patienten werden umfassend und standardisiert von multidisziplinären Teams aus Psychiatern, Neuropsychologen und spezialisierten Pflegekräften untersucht. Die Ergebnisse führen zu maßgeschneiderten Therapieempfehlungen, die an den überweisenden Arzt weitergeleitet werden. Seit Gründung der Expertenzentren wurden mehr als 10.000 Patienten untersucht. Das hat dazu beigetragen, Restsymptome und die Zahl der Wiederaufnahmen zu reduzieren, die Erkennung von Komorbiditäten zu verbessern und personalisierte Behandlungspläne zu erstellen.

Gemeinsam mit dem DZPG arbeiten Sie an der Harmonisierung von Daten und Standards für eine länderübergreifende Forschung. Was sind dabei die größten Chancen?
Die Zusammenarbeit mit dem DZPG ermöglicht, die klinische Beurteilung und Datenerhebung zwischen französischen und deutschen Zentren zu standardisieren, was künftige Vergleiche unter verschiedenen Rahmenbedingungen und Bevölkerungsgruppen zulässt. Diese Harmonisierung erleichtert außerdem die Integration von Daten aus verschiedenen Kohorten und fördert die translationale Forschung, indem sie die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse in der klinischen Praxis beschleunigt. Sie trägt auch zur Entwicklung gezielter und personalisierter Behandlungen bei, die auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zugeschnitten sind. Darüber hinaus stärkt dieser Ansatz die Zusammenarbeit zwischen Forschern, Klinikern und Institutionen, indem er einen gemeinsamen Rahmen schafft, um komplexe psychische Störungen besser zu verstehen und die Qualität der Versorgung weltweit zu verbessern.

In diesem Zusammenhang haben wir kürzlich ein deutsch-französisches Konsortium ins Leben gerufen, das die französischen Expertenzentren und die deutschen Exzellenzzentren innerhalb des DZPG-Netzwerks zusammenbringt. Diese strategische Allianz zielt darauf ab, gemeinsam eine neue Generation von Biomarkern – genetische, entzündliche, metabolische, kognitive und digitale – zu identifizieren und zu validieren. Dafür werden große, harmonisierte Datenkohorten aus beiden Ländern verglichen und fortschrittliche KI-gestützte Analysemethoden angewendet. 

Eine große Aufgabe. Was wird ein erster Schwerpunkt sein und worin liegen die Ziele?
Der erste Schwerpunkt der Zusammenarbeit wird sich der Anwendung von KI bei der Suche nach Biomarkern für psychische Störungen widmen. Dies wird durch die Umwandlung von Daten in synthetische Daten und die Organisation eines Hackathons zu Biomarker-Entdeckungen in den kommenden Monaten erfolgen. 

Über die Entdeckung von Biomarkern hinaus strebt das Konsortium auch den Aufbau interoperabler Dateninfrastrukturen und Vorhersagemodelle an, die eine frühzeitigere Diagnose, eine genauere Stratifizierung von Patientengruppen und personalisierte Therapieentscheidungen ermöglichen.

Letztendlich besteht das Ziel darin, die Entwicklung präziser psychiatrischer Instrumente zu beschleunigen und sicherzustellen, dass innovative Diagnostik- und Behandlungsmethoden schnell zu den Patienten in ganz Europa gelangen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen bei der internationalen Harmonisierung – z. B. in Bezug auf Datenschutz oder klinische Routinen?
Eine zentrale Herausforderung wird darin bestehen, die Datenschutzbestimmungen und klinischen Praktiken in den verschiedenen Ländern aufeinander abzustimmen. Dazu gehören die Gewährleistung der Vertraulichkeit der Patientendaten und der Informierten Einwilligung (informed consent). Herausfordernd sind zudem die Standardisierung von Diagnosewerkzeugen und die Harmonisierung von Methoden zur Messung verschiedener Biomarker. Dieser Ansatz erfordert eine sorgfältige Koordination und nachhaltige Zusammenarbeit zwischen Institutionen, Klinikern und Forschenden auf nationaler und internationaler Ebene unter Berücksichtigung rechtlicher, ethischer und kultureller Unterschiede. Die Bewältigung dieser Herausforderungen ist die Voraussetzung, um die Zusammenarbeit in der psychiatrischen Forschung zu fördern und klinische Fortschritte zum Wohle der Patienten zu beschleunigen.

Der Begriff “Präzisionspsychiatrie” fällt immer wieder. Wie definieren Sie ihn, und was macht ihn für Sie so wichtig für die Zukunft der Psychiatrie?
Die Präzisionspsychiatrie zielt darauf ab, die kategoriale Diagnose durch Stratifizierungs- oder Prognosebiomarker, darunter genetische, biologische, umweltbedingte und klinische Faktoren, zu ergänzen. Dieser Ansatz versucht, homogenere Untergruppen innerhalb heterogener Störungen zu identifizieren, um gezielte therapeutische Strategien anzubieten. Dies ermöglicht eine verbesserte Wirksamkeit der Behandlung, weniger Nebenwirkungen, eine bessere Orientierung für Kliniker bei der individuellen Entscheidungsfindung und ebnet so den Weg für eine stärker personalisierte und effektivere Zukunft in der psychiatrischen Versorgung.

Können Sie Beispiele nennen, wo die Arbeit der Centres Experts bereits konkrete Fortschritte in Richtung Präzisionspsychiatrie gebracht hat?
Was die Forschung betrifft, haben die Netzwerke der Expertenzentren – darunter einige der weltweit größten Kohorten – in nur zehn Jahren über 200 internationale wissenschaftliche Publikationen hervorgebracht. Das unterstreicht die Dynamik und Wirkung ihrer Forschung. 

Anhand von Längsschnittdatensätzen konnten wir die Auswirkungen der Bewertungen und Empfehlungen in einem Expertenzentrum beurteilen, darunter: verbesserte Therapietreue, vermehrte Verschreibung psychosozialer Therapien, geringere Rehospitalisierungsraten, verbesserte allgemeine Funktionsfähigkeit und systematischere Identifizierung psychiatrischer und somatischer Komorbiditäten (wie metabolisches Syndrom).

Ein zentrales Ziel ist die Bildung großer, gut charakterisierter Kohorten. Was sind die wichtigsten Schritte, um in Frankreich solche Kohorten aufzubauen und für die internationale Forschung nutzbar zu machen?
Die Einrichtung großer, qualitativ hochwertiger Kohorten erfordert eine streng standardisierte Datenerfassung, umfassende klinische, biologische und psychosoziale Bewertungen sowie die Verwendung sicherer und interoperabler Datenbanken. Regelmäßige Längsschnittuntersuchungen sind unerlässlich, um den Verlauf von Erkrankungen zu dokumentieren, die Wirksamkeit von Interventionen zu bewerten und unterschiedliche klinische Verläufe zu identifizieren.

Die strikte Einhaltung ethischer und rechtlicher Standards, insbesondere in Hinblick auf den Datenschutz, muss gewährleistet sein. Die zweimal jährlich überprüfte Interrater-Reliabilität sowie die Harmonisierung der Standards, sowohl in klinischer als auch in digitaler Hinsicht, sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung, um die Integration und den Vergleich von Daten auf internationaler Ebene zu ermöglichen. Schließlich ebnet die Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern den Weg für globale Forschungsprojekte und stärkt gleichzeitig die Unterstützung der Patienten vor Ort.

Eines der Hauptanliegen von Kohorten ist es, sicherzustellen, dass sie sich langfristig bewähren. Dank des Programms „France 2030” wurden wir ausgewählt, ein französisches Programm für Präzisionspsychiatrie aufzubauen. Das ermöglicht es uns, eine landesweite multimodale Kohorte für alle schweren psychiatrischen Erkrankungen aufzubauen, die auch für internationale Kooperationen zugänglich ist.

Welche Bedeutung messen Sie Technologien wie Machine Learning oder KI-gestützten Vorhersagemodellen in der psychiatrischen Forschung und Versorgung bei?
Technologien wie maschinelles Lernen und Künstliche Intelligenz werden zu unverzichtbaren Werkzeugen in der psychiatrischen Forschung. Sie ermöglichen die Analyse komplexer, multimodaler Datensätze – darunter Daten aus der Bildgebung des Gehirns, der Genetik, dem Verhalten und der Umwelt –, um Muster, Biomarker und Prädiktoren zu erkennen, die bei der traditionellen klinischen Beobachtung oft unsichtbar bleiben. Diese Werkzeuge tragen dazu bei, Patientengruppen und potenzielle therapeutische Ansatzpunkte zu identifizieren, wodurch letztlich die Möglichkeiten der Ärzte verbessert werden, eine evidenzbasierte, personalisierte Versorgung anzubieten - mit dem Ziel einer genaueren Diagnose und individualisierten Behandlung.

Ethische Überlegungen bleiben dabei von wichtig: KI muss transparent eingesetzt werden, und die Einwilligung der Patienten sowie die Vertraulichkeit der Daten müssen gewährleistet sein. Ein verantwortungsvoller Einsatz erfordert eine kontinuierliche Bewertung von systematischen Verzerrungen, Fairness und Verantwortlichkeit, um sicherzustellen, dass diese Technologien die Versorgung aller Patienten gleichberechtigt und effektiv verbessern.

Was braucht es aus Ihrer Sicht politisch oder gesellschaftlich, damit die Vision einer länderübergreifenden Präzisionspsychiatrie Wirklichkeit wird?
Der Aufbau einer französisch-deutschen Präzisionspsychiatrie erfordert die bilaterale Unterstützung von Forschungsorganisationen, ein starkes politisches Engagement sowie zweckgebundene private und öffentliche Fördermittel. Ebenso wichtig ist es, die Öffentlichkeit für die Vorteile einer personalisierten psychiatrischen Versorgung zu sensibilisieren. Zusammen werden diese Schritte dafür sorgen, dass Fortschritte in der Präzisionspsychiatrie zu spürbaren Verbesserungen in der Patientenversorgung führen.


 


Fortschritte in der Präzisionspsychiatrie: Ein deutsch-französisches Konsortium zum Aufbau eines reproduzierbaren Modells 

Interview mit Prof. Peter Falkai

Professor für Psychiatrie, Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie an der Universität München und Sprecher des Deutschen Zentrums für Seelische Gesundheit (DZPG)

Können Sie erläutern, wie die Exzellenzzentren in Deutschland arbeiten, insbesondere im Hinblick auf ihre geografische Verteilung und das Betriebsmodell, dem sie folgen? 
Die deutschen Exzellenzzentren wurden in einem mehrstufigen nationalen Auswahlverfahren ausgewählt. Zunächst reichten rund 20 Universitäts- und Kliniknetzwerke ihre Bewerbungen ein. Von diesen kamen 14 in die engere Wahl, und schließlich wurden nach Interviews mit europäischer Unterstützung 6 Zentren ausgewählt. Jedes Zentrum stellt ein Netzwerk dar und soll eine breite Abdeckung der Bevölkerung gewährleisten. So bedient allein das Münchner Zentrum ein Einzugsgebiet von rund 6 Millionen Menschen. Zusammen decken die sechs Zentren durch prospektive Studien, die Patienten aus allen 6 Zentren einschließen, die Hälfte der deutschen Bevölkerung ab. Es ist jedoch anzumerken, dass die nördlichen Regionen in diesem Netzwerk weniger stark vertreten sind. Die Mittel sind nicht nur für die laufende Infrastruktur, sondern auch für spezielle Projekte und mit einem Plan für 7 bis 8 Jahre für die finanzielle Unterstützung vorgesehen. Diese finanzielle Stabilität ermöglicht es uns, die Ergebnisse im Bereich der psychischen Gesundheit konsequent zu überwachen und zu verbessern oder zu stabilisieren.

Unser Modell umfasst die Integration von Hausarztnetzen, in denen ausgewählte psychisch kranke Personen bis zu viermal kurz behandelt werden können. Ein weiteres Beispiel ist die Identifizierung von Personen, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden, um ihnen eine gezielte Behandlung zukommen zu lassen. Ziel der Zentren ist es, die psychische Gesundheit in Deutschland zu messen, zu verbessern und sich auf die Prävention (insbesondere im sekundären Bereich) zu konzentrieren. Die Zentren sind zwar nicht - wie die Kompetenzzentren der FondaMental-Stiftung - jeweils auf eine bestimmte psychische Erkrankung spezialisiert, decken aber ein breites Spektrum psychiatrischer Erkrankungen ab. Dementsprechend konzentrieren wir uns in erster Linie auf die wichtigsten psychiatrischen Erkrankungen: Depressionen, bipolare Störungen und Schizophrenie, befassen uns aber auch mit allen anderen Erkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen. Gerontopsychiatrie und Demenz fallen nicht in diesen Aufgabenbereich und werden von einem zusätzlichen Zentrum abgedeckt.

Was sind die größten Herausforderungen und Chancen bei der Replikation der französischen Expertenzentren in Deutschland? 
Es ist eine großartige Gelegenheit, die Kräfte länderübergreifend zu bündeln, wie wir es derzeit mit Deutschland und Frankreich tun, und die Ergebnisse zu replizieren und unsere Kohorten zu erweitern, wodurch die Zuverlässigkeit und Klarheit unserer Daten erhöht wird, um die Präzisionspsychiatrie weiterzuentwickeln, einen spezialisierten, patientenzentrierten Ansatz, der Diagnose und Behandlung auf Untergruppen von Personen mit ähnlichen klinischen, biologischen oder verhaltensbezogenen Merkmalen zuschneidet. Größere und besser charakterisierte Kohorten könnten die Forschung erheblich verbessern. Derzeit können Kohortendaten recht heterogen sein. Mithilfe von Instrumenten wie dem maschinellen Lernen könnten wir neue Patienten erfassen und sie anhand von klinischen, bildgebenden, genetischen und biologischen Merkmalen mit anderen Kohorten, sowohl französischen als auch deutschen, abgleichen. Dies würde die Forschung stärken und uns der Präzisionspsychiatrie näherbringen. Zu den wichtigsten Herausforderungen gehören jedoch die Harmonisierung bestehender und künftiger Kohorten und die Sicherstellung, dass sie groß und einheitlich genug sind, um aussagekräftige Muster über das breite Spektrum psychischer Störungen hinweg zu erkennen. Kooperationen wie die vom Kohortenclub von Marion Leboyer initiierte [ein Projekt im Rahmen der PEPR Propsy-Initiative (France 2030), das eine globale Kartierung von Längsschnittkohorten in der Psychiatrie anstrebt, um Metadaten zu diesen Kohorten öffentlich zugänglich zu machen] sind in dieser Hinsicht unerlässlich.

Wie sieht die Zukunft der neurobiologischen Forschung zu psychischen Störungen aus, und welche Durchbrüche sind nötig, um das Gebiet voranzubringen? 
Eine wichtige Priorität ist es, die den psychischen Störungen zugrunde liegenden Mechanismen besser zu verstehen, ähnlich wie es in der Onkologie durch die Identifizierung von Hormonrezeptor-Verhaltensweisen zur Steuerung der Behandlung gelungen ist. Wir brauchen ähnliche Durchbrüche, um die Phänotypen psychischer Störungen und die zugrunde liegenden Mechanismen zu definieren. Sobald wir diese Mechanismen verstehen, müssen wir Biomarker entwickeln, die mit ihnen korrelieren. Bei Demenz beispielsweise dient das Vorhandensein bestimmter Ablagerungen im Gehirn, wie Amyloid-Plaques, als Biomarker für das Vorliegen der Krankheit. Diese Biomarker, die mit den Krankheitsmechanismen verknüpft sind, werden uns helfen, Untergruppen innerhalb der Erkrankungen zu unterscheiden und schließlich zu mechanistisch informierten, maßgeschneiderten Behandlungen führen. Kooperationsnetze sind von entscheidender Bedeutung, da sie die Zustimmung, den Aufbau von Kohorten und die Datenverwaltung ermöglichen. Ihre Aufrechterhaltung erfordert jedoch langfristige Investitionen seitens der Regierung.

Welche Rolle spielen große, vielschichtige Kohorten (die Verhalten, Gehirnanalyse, genetische und nicht-genetische Faktoren integrieren) für die Präzisionspsychiatrie? 
Sie sind unerlässlich. Man kann Hypothesen in kleinen Stichproben testen, aber um diese Ergebnisse zu verallgemeinern, sind große, gut strukturierte, vielschichtige Kohorten erforderlich. Diese sollten Verhaltensdaten, bildgebende Verfahren des Gehirns sowie genetische und nichtgenetische Informationen integrieren, um mechanistisch definierte Untergruppen zu identifizieren und die Behandlungsgenauigkeit zu verbessern. - Wie kann die internationale Zusammenarbeit zwischen Forschungszentren, wie sie in Europa insbesondere zwischen Frankreich (Fondation FondaMental) und Deutschland und darüber hinaus besteht, die Nutzung von Werkzeugen, Daten und wichtigen Technologien wie maschinelles Lernen optimieren? Der erste Schritt besteht darin, sich auf einen gemeinsamen Satz von Messinstrumenten zu einigen. Dann müssen wir Datensätze aus verschiedenen Zentren zusammenführen und sicherstellen, dass sie anonymisiert und standardisiert sind. Idealerweise sollten sie verblindet werden, damit die Forscher nicht wissen, welche Daten aus welchem Land stammen, und als Open Source zur Verfügung gestellt werden, um eine breite wissenschaftliche Zusammenarbeit bei der Vorhersageberechnung in Bezug auf perspektivische Studien und Kohortenanalysen zu fördern.

Welche Schritte sind erforderlich, um die Forschungsanstrengungen aufeinander abzustimmen, gemeinsame Rahmen zu definieren und Schlüsselmechanismen zur Unterstützung von Initiativen im Bereich der Präzisionspsychiatrie zu ermitteln? 
Es gibt drei Hauptschritte: 1. Einigung auf die Methodik: Angleichung der Methoden und Datenerfassungsstandards in den bestehenden Kohorten. 2. Zusammenstellung großer, vielschichtiger Kohorten 3. Berechnung: Verwendung der Kohorte zur Erstellung von Vorhersagemodellen, zur Ermittlung homogener Untergruppen, zur Entdeckung relevanter Biomarker und zur Erprobung gezielter Behandlungen.


 

Das Interview mit Prof. Peter Falkai erschien im Original unter: https://www.fondation-fondamental.org/actualites/faire-progresser-la-psychiatrie-de-precision-un-consortium-franco-allemand-pour 

Prof. Marion Leboyer und Prof. Peter Falkai
Prof. Marion Leboyer (Fondation FondaMental) und Prof. Peter Falkai (DZPG)FondaMental / DR (links), DZPG (rechts)