Schizophrenie neu denken - Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit
Forschung

Schizophrenie neu denken

Zwei Forschende des DZPG-Standorts München-Augsburg verfolgen vielversprechende neue Ansätze zur Behandlung von Schizophrenie – mit Fokus auf Regeneration statt nur Symptomunterdrückung. Ihre spannenden Forschungsprojekte werden in der neuen Ausgabe des DZG-Magazins „SYNERGIE" vorgestellt.

Bisherige Medikamente gegen Schizophrenie wirken vor allem gegen Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Doch viele Betroffene können trotz Medikamenten ihren Alltag kaum bewältigen, weil andere Symptome bestehen bleiben: Antriebslosigkeit, sozialer Rückzug und Schwierigkeiten beim Denken und Konzentrieren. Zwei Forschende am DZPG-Standort München-Augsburg setzen genau hier an – mit neuen Ansätzen, die die zugrunde liegenden Störungen im Gehirn reparieren sollen.

Ein altes Allergie-Medikament neu eingesetzt

Dr. Isabel Maurus von der Klinik für Psychotherapie und Psychiatrie an der LMU München erforscht eine wichtige Störung bei Schizophrenie: die beeinträchtigte Isolierung von Nervenbahnen im Gehirn. Normalerweise sind Nervenfasern von einer schützenden Schicht umgeben. Diese Schicht, Myelin genannt, sorgt dafür, dass Signale schnell und zuverlässig weitergeleitet werden. Bei Menschen mit Schizophrenie ist diese Schutzschicht oft zu dünn, insbesondere in Hirnbereichen, die für Denken, Planung und soziales Verhalten wichtig sind.

In ihrer Studie kombiniert Maurus Bewegungstraining mit Clemastin – einem Medikament, das seit den 1960er-Jahren gegen Allergien eingesetzt wird. Aus der Multiple-Sklerose-Forschung weiß man, dass Clemastin helfen kann, die Schutzschicht der Nerven wieder aufzubauen. Anders als bisherige Schizophrenie-Medikamente greift Clemastin damit direkt dort an, wo das Problem entsteht – in den Zellen selbst.

Etwa 90 Betroffene nehmen an der Studie teil und erhalten entweder Clemastin, ein Sportprogramm – oder beides. Die ersten Ergebnisse machen Hoffnung: „Wir sehen Verbesserungen in der Kognition und bei negativen Symptomen“, sagt Maurus.

Patienteneigene Nervenzellen unter dem Mikroskop

Dr. Dr. Florian Raabe vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie geht einen anderen Weg: Er untersucht, wie gut die Verbindungsstellen zwischen Nervenzellen,  die Synapsen, bei Schizophrenie funktionieren. „Lange galt Schizophrenie als degenerative Erkrankung. Heute zeigt sich ein anderes Bild: Nicht Zelluntergang, sondern fehlerhafte Entwicklung und gestörter Umbau stehen im Vordergrund", erklärt Raabe.

Sein Team nutzt eine besondere Methode: Aus Hautzellen von Betroffenen werden im Labor Nervenzellen gezüchtet. „Mit der Technologie haben wir erstmals die Möglichkeit, menschliche Nervenzellen von unseren psychiatrischen Patienten in vitro zu untersuchen“, sagt Raabe. Diese im Labor gewachsenen Nervenzellen zeigen dieselben Probleme wie im Gehirn der Betroffenen – zum Beispiel zu wenige Verbindungen zwischen den Zellen.

Mit diesen Zellen lassen sich auch Medikamente testen. Frühere Untersuchungen zeigten bereits, dass Zellen nur jener Patienten im Labor auf ein Medikament reagierten, bei denen das Medikament in der Behandlung ebenfalls gewirkt hatte. Das könnte in Zukunft helfen vorherzusagen, welches Medikament bei welchem Menschen am besten wirkt.

Ein Perspektivwechsel in der Behandlung

Beide Projekte zeigen: Schizophrenie ist keine unveränderbare Krankheit. Das Gehirn hat die Fähigkeit, sich zu erholen. DZPG-Sprecher Prof. Dr. Peter Falkai sagt: „Wir stehen noch am Anfang, aber das Potenzial ist enorm. Wir lernen, die zugrunde liegenden Prozesse bei Schizophrenie gezielt zu beeinflussen und damit kognitive und soziale Funktionen nachhaltig zu verbessern."

Prof. Dr. Silvia Schneider, ebenfalls Sprecherin des DZPG, ergänzt: „Es geht darum, Therapien zu entwickeln, die bei den biopsychosozialen Grundlagen der Erkrankung ansetzen und so auch denjenigen zu helfen, bei denen bislang verfügbare Behandlungen versagen. Diese Forschungsprojekte öffnen neue Wege – individuell, ursachenorientiert und mit Blick auf echte Teilhabe für Betroffene."

Der vollständige Artikel kann online unter dzg-magazin.de nachgelesen werden.