Post-COVID-Syndrom: Fachgesellschaften fordern differenzierte Einordnung und bessere Versorgungsstrukturen - Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit
Aktuelles

Post-COVID-Syndrom: Fachgesellschaften fordern differenzierte Einordnung und bessere Versorgungsstrukturen

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) haben ein gemeinsames Positionspapier zum Post-COVID-Syndrom (PCS) veröffentlicht. Darin nehmen die beiden Fachgesellschaften eine umfassende fachliche Einordnung der Erkrankung vor, formulieren konkrete Empfehlungen für die Versorgung und richten klare gesundheitspolitische Forderungen an Politik und Verwaltung. Ziel ist es, die Versorgungssituation von Betroffenen nachhaltig zu verbessern und bestehende Versorgungslücken zu schließen.

Das Positionspapier betont ausdrücklich die Komplexität des Krankheitsbildes: PCS ist weder rein psychisch noch rein körperlich erklärbar. Stattdessen wird ein biopsychosoziales Krankheitsverständnis als Grundlage für Diagnostik und Behandlung hervorgehoben. Gleichzeitig stellen die Fachgesellschaften klar, dass das Post-COVID-Syndrom nicht mit bekannten psychischen Erkrankungen gleichzusetzen ist, auch wenn psychische Begleiterkrankungen den Verlauf beeinflussen und mitbehandelt werden sollten.

„Das Post-COVID-Syndrom (PCS) ist eine ernstzunehmende und komplexe Erkrankung, die weder bagatellisiert noch einseitig erklärt werden darf“, sagt Prof. Dr. Martin Walter, Sprecher des DZPG-Standortes Halle-Jena-Magdeburg und Leiter der Task-Force Post-COVID der DGPPN. „Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage dafür, PCS ausschließlich als psychische oder ausschließlich als körperliche Erkrankung zu verstehen. Entscheidend ist eine differenzierte, multiprofessionelle Betrachtung.“

Versorgung weiterentwickeln: Interdisziplinarität als Schlüssel

Aus diesem Verständnis leiten DGPPN und DGPM konkrete Anforderungen an die Versorgung ab. Im Zentrum steht ein interdisziplinärer, interprofessioneller und gut vernetzter Behandlungsansatz, der der Komplexität des Krankheitsbildes gerecht wird. Dazu gehört eine sorgfältige Differentialdiagnostik, die auch psychosomatische und psychiatrische Aspekte systematisch einbezieht. Ebenso sollen spezialisierte Versorgungsangebote ausgebaut und bestehende Behandlungsoptionen weiterentwickelt werden. Allen Betroffenen soll zudem psychotherapeutische Unterstützung angeboten werden.

Die Fachgesellschaften warnen zugleich ausdrücklich vor einer Bagatellisierung des Krankheitsbildes. Eine solche könne zu Stigmatisierung, zusätzlicher Belastung der Betroffenen und letztlich zu Fehlversorgung führen.

Forschung und gesellschaftliches Verständnis als Zukunftsaufgaben

Neben der Versorgung adressiert das Positionspapier auch den Forschungsbedarf. DGPPN und DGPM fordern eine stärkere interdisziplinäre Ausrichtung der Forschung sowie eine koordinierte, ressortübergreifende Forschungsförderung. Ziel sei es, Erkenntnisse schneller in die Versorgung zu überführen.

„Ebenso wie die Versorgung muss auch die Forschung interdisziplinärer werden“, betont Prof. Dr. Martin Walter, der auch das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Post-COVID-Forschungsprojekt FEDORA leitet. „Dafür brauchen wir eine koordinierte, ressort- und förderquellenübergreifende Forschungsförderung, damit Forschungsergebnisse schneller den Weg in die Versorgung finden. Die aktuelle Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen ist diesbezüglich vielversprechend. Es bleibt zu hoffen, dass die konkreten Ausschreibungen den Stellenwert und die komplexen Zusammenhänge im Bereich Psychologie, Psychotherapie und Psychosomatik angemessen berücksichtigen werden.“

Auch auf gesellschaftlicher Ebene sehen die Fachgesellschaften Handlungsbedarf. Viele Betroffene berichteten weiterhin, dass ihre Symptome nicht ernst genommen würden. Es brauche daher gezielte Aufklärung und klare gesundheitspolitische Signale, um Verständnis zu fördern, Stigmatisierung zu reduzieren und die gesellschaftliche Teilhabe der Betroffenen zu verbessern.

Quelle: Pressemitteilung der DGPPN und DGPM 

Gemeinsames Positionspapier von DGPPN und DGPM, April 2026: Post-COVID-Syndrom: Interdisziplinäre Versorgung sichern, Forschung stärken, Teilhabe verbessern