Forschung zu den neurobiologischen Grundlagen der Schizophrenie
Der wissenschaftliche Schwerpunkt von Peter Falkai liegt auf psychotischen Erkrankungen. Insbesondere beschäftigt er sich mit den neurobiologischen Grundlagen kognitiver Defizite bei Schizophrenie. Diese können dazu führen, dass Betroffene trotz leitliniengerechter Behandlung Schwierigkeiten haben, selbst einfache Alltagsanforderungen zu bewältigen.
Ein zentraler Ansatz Falkais Forschung ist die Untersuchung der Verbindungen zwischen Nervenzellen und der Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen und zu regenerieren. Diese Plastizität des Gehirns ist bei Menschen mit Schizophrenie beeinträchtigt. Falkais Forschung zeigt: „Die Störung liegt nicht in den Nervenzellen selbst, sondern in ihrer Konnektivität“ – also den Verbindungen und der Fähigkeit des Gehirns, sich anzupassen und zu regenerieren.
Bewegung als therapeutischer Ansatz
Um die Plastizität des Gehirns therapeutisch zu beeinflussen, startete Falkai vor rund 20 Jahren eine Reihe von Studien zu Bewegung. Die Ergebnisse zeigen, dass regelmäßiges Ergometer-Training dreimal wöchentlich über drei Monate nicht nur Symptome und Aufmerksamkeit verbessern, sondern auch zu einer Zunahme des Volumens des Hippocampus führen kann. Rund 40 bis 50 Prozent der Patientinnen und Patienten profitieren deutlich von dieser Intervention. Einige erreichen eine vollständige anhaltende Symptomfreiheit.
Neben der Wirkung von Bewegung untersucht Falkai die biologischen Mechanismen, die kognitiven Beeinträchtigungen bei Schizophrenie zugrunde liegen. Dabei identifizierte sein Team unter anderem Hinweise auf eine gestörte Reifung der Myelin-Hüllen, die für die schnelle Signalübertragung im Gehirn wichtig sind. „Bei einem Teil der Betroffenen reifen diese Zellen nicht richtig – ein Prozess, der durch Sport normalisiert werden kann“, so Falkai.
Neue Ansätze für eine individualisierte Behandlung
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Untersuchung des Biomarkers Neurofilament Light Chain (NFL) im Blut. Erhöhte Werte weisen offenbar auf reversible Myelinschäden hin. Etwa ein Viertel der Patientinnen und Patienten zeigt solche erhöhten Werte. Diese Gruppe profitiert besonders von Interventionen, die die Plastizität des Gehirns fördern.
Falkais Team untersucht zudem Medikamente, die die Myelinreifung unterstützen könnten. Dazu gehören Clemastin, ein Antiallergikum, und Quetiapin, ein etabliertes Antipsychotikum. Beide zeigen in ersten Studien deutliche Effekte auf die Normalisierung der Myelin-Reifung. Eine prospektive klinische Studie soll klären, ob Menschen mit erhöhten NFL-Werten besonders stark von Quetiapin profitieren.
Für weitere Betroffene untersucht Falkai mögliche Störungen des Gleichgewichts zwischen Erregung und Hemmung von Nervenzellen. Hier könnte Spironolacton, ein bekanntes blutdrucksenkendes Medikament, einen neuen therapeutischen Ansatz bieten. Eine entsprechende Studie ist in Vorbereitung.
Bewegungstherapie in der Versorgung verankern
Neben der Entwicklung neuer Behandlungsansätze betont Peter Falkai die Bedeutung, Bewegungstherapie strukturell in die psychiatrische Versorgung zu integrieren, sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich. Ziel ist es, wirksame Interventionen regelhaft für Patientinnen und Patienten verfügbar zu machen.
Mit dem Jean-Delay-Preis würdigt die World Psychiatric Association Falkais jahrzehntelange wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der Psychiatrie und seine Beiträge zur Erforschung psychotischer Erkrankungen.