Psychische Erkrankungen zählen weltweit zu den häufigsten Volkskrankheiten. In Deutschland sind jährlich rund 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung betroffen[1]. Sie gehören damit zu den zentralen Ursachen für krankheitsbedingte Einschränkungen im Alltag sowie für stationäre Behandlungen bei Kindern und Jugendlichen. Besonders Depressionen und Angststörungen haben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen und stellen die Gesundheitssysteme zunehmend vor Herausforderungen.
FORSCHUNG AN DER SCHNITTSTELLE VON GEHIRN, IMMUNSYSTEM UND GESELLSCHAFT
Der mitteldeutsche DZPG-Standort setzt in seiner Forschungsarbeit einen besonderen Schwerpunkt auf das Zusammenspiel sozialer Interaktionen mit biologischen Faktoren wie Entzündungsprozessen und Stoffwechselstörungen. Untersucht wird unter anderem, wie Stress in gesellschaftlichen Krisensituationen („Polykrisen“) psychische Gesundheit beeinflusst.
Ein weiterer Fokus liegt auf den Entwicklungsverläufen psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Seit der COVID-19-Pandemie ist insbesondere in dieser Altersgruppe ein deutlicher Anstieg psychischer Belastungen zu beobachten. Ziel der Forschung ist es, Risikomuster frühzeitig zu erkennen und daraus Ansätze für Prävention und Frühintervention zu entwickeln. In Jena wurde hierzu kürzlich eine neue Tagesklinik für Adoleszenzpsychiatrie eingerichtet, die Forschung und Versorgung enger miteinander verbinden soll.
VON DER GRUNDLAGENFORSCHUNG IN DIE PRAXIS
Standortübergreifend arbeiten die beteiligten Universitäten und außeruniversitären Einrichtungen an mehreren Forschungsschwerpunkten. Dazu gehören unter anderem die Untersuchung belastender Kindheitserfahrungen und deren Auswirkungen auf die spätere psychische Gesundheit, die Analyse von Neurobildgebungsdaten bei Depressionen zur Verbesserung von Therapieentscheidungen sowie die Erforschung der Rolle des Immunsystems bei neuropsychiatrischen Langzeitfolgen nach Infektionserkrankungen.
Weitere Projekte beschäftigen sich mit den Wechselwirkungen zwischen psychischen Erkrankungen und sozialen Beziehungen, mit der Verbindung von Adipositas und psychischen Störungen sowie mit neuen Ansätzen zur Früherkennung bei Kindern mit ADHS und Lese-Rechtschreib-Störungen. Auch die Weiterentwicklung von Psychotherapie bei Depressionen und deren Kombination mit medikamentöser Behandlung werden im DZPG untersucht.
„Die Zusammenarbeit zwischen Medizin, Psychologie und Grundlagenwissenschaften der beteiligten Universitäten und Leibniz-Institute schafft einzigartige Möglichkeiten zur Beforschung und langfristigen Verbesserung der psychischen Gesundheit und bringt Mitteldeutschland auch mit seinen regionalen Besonderheiten an die Spitze der aktuellen Forschungsaktivitäten in Deutschland“, sagt Prof. Martin Walter, Sprecher des Standortes und Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie in Jena.
ENGAGEMENT MIT BETROFFENEN AUF AUGENHÖHE
Ein zentrales Element der DZPG-Arbeit ist die enge Einbindung von Betroffenen und Angehörigen in die Forschung. Im trialogischen Standortrat bringen Forschende, Patientinnen und Patienten sowie Angehörige ihre Perspektiven gemeinsam ein und gestalten Forschungsfragen aktiv mit. „Am DZPG hat mich die bisher einzigartige Chance gereizt, auf vielen Ebenen an der Forschung zu psychischer Gesundheit mitzuwirken und die Partizipation für andere Betroffene und Angehörige voranzubringen.“ betont Dr. Heike Stecklum, Sprecherin des trialogischen Zentrumsrates.
AUSBLICK: AUSBAU DER STRUKTUREN UND FORSCHUNG
Der DZPG-Standort Mitteldeutschland wird in der Ausbauphase von 2025 bis 2030 mit insgesamt 20 Millionen Euro gefördert. Die Mittel ermöglichen den weiteren Ausbau interdisziplinärer Forschungsstrukturen und die enge Verzahnung von Grundlagenforschung, klinischer Anwendung und partizipativer Forschung.
Ziel ist es, langfristig die Prävention, Früherkennung und Behandlung psychischer Erkrankungen in Deutschland zu verbessern und die gewonnenen Erkenntnisse in die Versorgung zu überführen.
[1] DGPPN, Basisdaten Psychische Erkrankungen, Stand Februar 2025
Quelle: Pressemitteilung Universitätsklinikum Jena